Das Dorf und die Stadt – Schlebusch und die Gründung Leverkusens am 1. April 1930

(Bild: Stadtarchiv Leverkusen)

Am 1. April 1930 entstand etwas Neues – auch wenn die Gemeinden, die sich heute vor 90 Jahren zur Stadt Leverkusen zusammenschlossen, in ihren Siedlungskernen bereits seit Jahrhunderten existierten. Wiesdorf, Bürrig und Küppersteg wurden bereits im Jahr 1920 zur Stadtgemeinde Wiesdorf vereinigt – übrigens ebenfalls am 1. April, sodass wir heute, am 1. April 2020, sogar auch ein rundes, 100-jähriges Jubiläum begehen. In die Stadtgemeinde Wiesdorf wurden laut offizieller Bekanntmachung Rheindorf, Schlebusch und Steinbüchel „eingegliedert“. Zählt man Manfort als weiteren Teil Leverkusens hinzu, entstand am 1. April 1930 eine „Sieben-Dörfer-Stadt“ – eine heute völlig aus dem Sprachgebrauch der Leverkusener verschwundene Bezeichnung, die sich aber in der Literatur zur Leverkusener Stadtgeschichte bis in die 1950er Jahre finden lässt.

Eines dieser sieben Dörfer, die 1930 zu Stadtteilen des neuen „Leverkusen“ wurden, war Schlebusch. Den Kern Schlebuschs bildete damals wie heute die Bergische Landstraße, Teil eines uralten Handelsweges und mit ihrer Anfang der 1990er Jahre eingerichteten Fußgängerzone Hauptstraße des „Dorfes“, als das die Schlebuscher ihren Stadtteil bis heute gerne bezeichnen. Der Eingliederung des „Dorfes“ in die Stadt Leverkusen gingen lange und kontrovers geführte Diskussionen voraus, die im Jahr 1930 auch von den Zeitgenossen aufgegriffen wurden.

Ein besonders eindrückliches Beispiel, wie das Schicksal Schlebuschs 1930 kommentiert wurde, bildet die diesem Text angefügte Karikatur. Sie stammt von der Karnevalsgesellschaft „Dhünberg“, deren Archivbestand im Stadtarchiv Leverkusen aufbewahrt wird, und greift die Eingemeindungsverhandlungen im Vorfeld der Gründung Leverkusens auf. Schlebusch, in Form eines Esels dargestellt, kniet vor dem Wiesdorfer Bürgermeister Heinrich Claes, und streckt dem Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer das Hinterteil entgegen. Über den beiden Kontrahenten auf dem „Dhünberg“ steht Wilhelm Marx, der letzte Gemeindevorsteher von Schlebusch. Die Unterschrift der Karikatur lautet im Original: „Der alte Sankta Michael im Himmel derbe spricht, / So ein Eselsvieh wie in Schlebusch sah ich im Leben nicht. / Nach Westen lässt es sich zu Boden reißen / Auf meine Richtung tut es …ßen. / Dabei macht noch sehr viel Herzeleid, / Daß der Dhünberg bewahrt die Selbstständigkeit!

Die Karikatur bündelt somit viele verschiedene Aspekte, die die Gründung Leverkusens aus Schlebuscher Perspektive ausmachten: Zum einen das klare Bekenntnis der Schlebuscher Einwohner gegen eine Eingemeindung nach Köln, für die sich Konrad Adenauer zuvor stark gemacht hatte; zum anderen das Nachgeben zugunsten des Wiesdorfer (und ersten „Gesamt“-Leverkusener) Bürgermeisters Heinrich Claes, der um Schlebusch besonders geworben hatte und mit Carl Duisberg einen einflussreichen Befürworter eines Zusammenschlusses auf seiner Seite wusste. Nicht zuletzt zeigt die Karikatur aber auch das Selbstbewusstsein der betroffenen Zeitgenossen, die bei der Gebietsreform von 1930 auf die Bewahrung einer gewissen Eigenständigkeit Wert legten.