Das historische Datum: 100 Jahre Stadtrechte Wiesdorf

Im Oktober 2020 wurde mit einer vom OGV initiierten Festveranstaltung das 90-jährige Jubiläum der Stadtgründung Leverkusens im Jahr 1930 feierlich begangen. Weitgehend unbeachtet blieb dagegen die Tatsache, dass es im vergangenen Jahr auch einen 100. Jahrestag gab, der für die Geschichte Leverkusens bedeutsam ist. Im Jahr 1920 nämlich, also zehn Jahre vor der offiziellen Gründung der Stadt Leverkusen, kam es zur Vereinigung der Gemeinden Bürrig und Wiesdorf. Die neue Großgemeinde Wiesdorf bekam am 12. Februar 1921 – genau vor 100 Jahren – die Stadtrechte verliehen, womit sie offiziell zur Stadt Wiesdorf wurde, bevor diese dann zehn Jahre später in der neu gebildeten Stadt Leverkusen aufging.

Bei der Frage nach bedeutenden Daten in der Leverkusener Geschichte ist diese Vereinigung von Bürrig und Wiesdorf zur „Großgemeinde Wiesdorf“ vor 101 Jahren bislang eher wenig beachtet worden. Viel häufiger in der Literatur sind als relevanteste Jahreszahlen solche anzutreffen, die sich auf die urkundliche Ersterwähnung einzelner Stadtteile – meist im 12. Jahrhundert – beziehen, oder die Ansiedlung von Unternehmen markieren, die die Stadtgeschichte prägen sollten (Fabrik von Carl Leverkus 1860, Bayer ab 1891), oder aber die Jahre 1930 (Gründungsjahr Leverkusens), 1955 (Leverkusen wird kreisfreie Stadt) oder 1975 (Eingemeindung von Opladen, Bergisch Neukirchen und Hitdorf).

Die Vereinigung von 1920 ist aber dennoch nicht minder bedeutsam, da sich hier mit der Großgemeinde Wiesdorf eine Kommune bildete, die mit Recht als „Kernzelle“ Leverkusens angesehen werden kann. Wiesdorf wurden bereits 1921 die Stadtrechte verliehen – es war der vorläufige Höhepunkt einer rasanten Entwicklung der Kommune „vom Fischerdorf zur Farbenstadt“, wie es in einem Wortspiel heißt. Diese Entwicklung und „Stadtwerdung“ Wiesdorfs wurde entscheidend geprägt durch die Ansiedlung zweier Industrieunternehmen: Zunächst die der Alizarinfabrik von Carl Leverkus, von der die Stadt Leverkusen seinen Namen hat, und ab 1891 die der Farbenfabriken Bayer.

Der junge Industriestandort gehörte bis Ende der 1880er Jahre zur Bürgermeisterei Opladen im Landkreis Solingen. Am 31. August 1889 schloss sie sich mit dem benachbarten Dorf Bürrig zur Bürgermeisterei Küppersteg zusammen – eine erste Konsequenz der mit der Bevölkerung gestiegenen Anforderungen an Verwaltung und Infrastruktur, die aus dem fernen Opladen nicht mehr erfüllt werden konnten. Zu dieser Zeit hatte die neu gebildete Bürgermeisterei Küppersteg etwa 4 000 Einwohner. Der heutige Leverkusener Stadtteil Küppersteg bestand damals aus einer kleinen Häusergruppe südlich des Dhünnübergangs. Diese wurde vor allem aus lokalpatriotischen Gründen Namensgeberin der neuen Bürgermeisterei: Weder die Wiesdorfer noch die Bürriger akzeptierten die einseitige Namensgebung nach einer der beiden Gemeinden, sodass sich die Gemeindegremien auf das neutrale „Küppersteg“ einigten.

Die Rolle Bayers für die Stadtentwicklung Wiesdorfs, sowohl im Wohnungsbau als auch auf den Gebieten der Infrastruktur, der Kultur und der finanziellen Ressourcen, kann kaum überschätzt werden. Das Werk übernahm im eigenen Interesse diese Aufgaben, mit denen die Bürgermeisterei Küppersteg allein zur Zeit der Jahrhundertwende restlos überfordert gewesen wäre. Logische Konsequenzen dieser Entwicklung waren schließlich die Auflösung der Bürgermeisterei Küppersteg und der genannte Zusammenschluss von Wiesdorf und Bürrig 1920 sowie die Erhebung Wiesdorfs zur Stadt 1921, also vor 100 Jahren. Zur Stadt Wiesdorf gehörten zu diesem Zeitpunkt neben Wiesdorf selbst die heutigen Leverkusener Stadtteile Bürrig, Küppersteg und Manfort. Die Stadt hatte ca. 27.000 Einwohner.

Der gebürtige Wiesdorfer Wilhelm Evertz verfasste 1955 anlässlich des 25. Jubiläums der Gründung Leverkusens einen Bericht über die Stadtentwicklung Wiesdorfs, die er als Zeitzeuge miterlebte. Sein Aufsatz wurde als Sonderbeilage der Neue Rhein Zeitung veröffentlicht. Er charakterisiert die Zeit des Zusammenschlusses von 1920 und der Verleihung der Stadtrechte an Wiesdorf 1921 wie folgt: "Eine unruhige und verwirrte Zeit. Der verlorene 1. Weltkrieg brachte auch dem gemeindlichen Leben große Veränderungen. Die Revolution war vorüber, das Volk mündig geworden. Nach demokratischen Grundsätzen wurden die Gemeindeverwaltungen geführt und die Vertretungen gewählt. Der Kapp-Putsch in diesem Jahr warf auch nach hier seine Schatten. In Wiesdorf wurde die Räterepublik ausgerufen. Ein Spuk, der durch die hiesige und Kölner Polizei schnell behoben wurde. Große Streiks und Aussperrungen bei den Farbenfabriken und anderen Werken – einmal verursacht durch den damals eingeführten 10prozentigen Lohnsteuerabzug im Zuge der Erzbergerschen Steuerreform – brachten ständige Unsicherheit. All das und auch die große Inflation bis zum Jahre 1923 ging vorüber. In sozialer Hinsicht brachte der verlorene Krieg ungeahnte Aufgaben, und auch die Wohnungsnot hatte nie gekannte Ausmaße, war doch von 1914 bis 1919 kaum ein Haus gebaut worden. Im Rathaus Wiesdorf reichten die Räumlichkeiten nicht mehr aus, eine große Bürobaracke südlich des Rathauses schaffte für ein Jahrzehnt Abhilfe. 1919 bereits hatten die Gemeinderäte von Wiesdorf und Bürrig ihren Zusammenschluß zu einer Gemeinde mit dem Namen Wiesdorf beschlossen, am 1. April 1920 trat er in Kraft. Gleichzeitig beantragten sie, für Wiesdorf das Städterecht zu erwirken. Durch Erlaß des Preußischen Staatsministeriums vom 12. Februar 1921 wurde Wiesdorf Stadt."