Initial-Workshop zur Zwischenkriegszeit im Rheinland (und Europa)

Mit dem Workshop „StadtRäume - kulturgeschichtliche Annäherungen an die ‚Zwischenkriegszeit‘ im Rheinland (und Europa)“ vom 10. bis 12. Juli 2020 in der Thomas-Morus-Akademie in Bergisch Gladbach - Bensberg, an dem 50 Interessierte und Experten aus dem Rheinland und Europa teilnehmen, findet der inhaltliche Auftakt für das Projekt „Stadtentwicklung in der ‚Zwischenkriegszeit‘ in Europa (1918-1939)“ statt.

Geschichte beschreibt den Menschen in Zeit und Raum, so lautet eine ebenso griffige wie weit verbreitete Definition. Dass Vergangenheit ein Geschehen in der Zeit darstellt, dass in der Geschichte oder besser: in Geschichten beschrieben wird, liegt auf der Hand. Ins Hintertreffen gerät aber nicht selten der Raum. Zwar ist ebenso offensichtlich, dass der Mensch sich im Laufe der Zeit dem Raum anpasst, den er vorgefunden oder den er aufgesucht hat, und ihn in der Weise kultiviert, wie es ihm notwendig erscheint und ihm mit seinen (technischen) Mitteln möglich ist. Die meisten Einleitungskapitel der üblichen Ortschroniken handeln davon, wenn sie eingangs die naturräumlichen Gegebenheiten erläutern.

Weniger offensichtlich ist hingegen, dass der Raum auch dann, wenn er längst vom Natur- zum Kulturraum geworden ist, das Leben der Menschen beeinflusst indem er deren Bewusstsein prägt, und zwar immer wieder von neuem. In immer wieder neuen Anläufen prägt der Raum das Bewusstsein und das Bewusstsein ist Ausgangspunkt für immer weitere Umgestaltungen des Raums. Es ist ein unablässiges Wechselverhältnis, indem Raum und Bewusstsein stehen. Das ist die Grundannahme, von der das Projekt ausgeht, in den dieser Workshop eingebettet ist.

Die Entstehung der Stadt, die vor Jahrtausenden im Osten begann, hat spätestens mit der Römerzeit auch das Rheinland erfasst. Es waren Legionslager der Römer, aus denen die ersten rheinischen Städte hervorgegangen sind. Im Raum dieser Städte dominierte nicht lange das Militärische. Rasch kamen weitere Baulichkeiten hinzu, die der Verwaltungsinfrastruktur, und andere, die den kulturellen Bedürfnissen dienten, wie sie die Römer aus ihrer Heimat mit an den Rhein gebracht hatten. Die römische Kultur gab dem Rheinland ein neues Raumgefüge. Die Romanisierung hat also auch eine räumliche Komponente!

In der Folgezeit wandelten auch im Rheinland die Städte immer wieder ihr Gesicht und neue Typen entstanden, die neue Raumordnungen im Inneren und neue Raumordnungen nach außen hervorbrachten.

Eine Phase, in der die städtischen Räume sich verdichteten und das Land infolge der Industrialisierung immer dichter mit Städten überzogen wurden, ist die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. Mit einem Ausschnitt dieser Phase, der so genannten Zwischenkriegszeit (1918-1939) befasst sich das Projekt Stadtentwicklung in der „Zwischenkriegszeit“ in Europa (SEiZiE). In seiner rheinischen Ausprägung soll im Rahmen des Projekts untersucht werden, welche kulturellen Ausprägungen die städtischen Räume in dieser Zeit hervorgerufen haben. Der Workshop möchte in vier Schritten eine Grundlage für ein Netzwerk legen, in das möglichst viele Institutionen und Personen eingebunden werden, die das kulturelle Leben im Rheinland heute befruchten und sich auf eine Zeitreise in die 20er und 30er Jahre des 20. Jahrhunderts einlassen wollen.

Sektion 1: Stadt als (Kultur-)Raum

Ausgehend von einem  Impulsreferat, bei dem die räumliche Gestaltung der Stadt an einem Beispiel erörtert wird, soll in dieser Sektion zunächst darüber nachgedacht werden wie und wodurch der Stadtraum gestaltet wird. Was sind die leitenden Parameter für die architektonische Gestaltung, für die Verwaltung, für Gebietsreformen etc.?
Alle Workshop-Teilnehmer werden gebeten, die Sektion durch Beispiele aus ihrem Bereich zu befruchten. Alle Teilnehmer werden die Möglichkeit haben, diese vorzustellen, damit ein Ideen-Netzwerk entstehen kann.

Sektion 2: KulturRaum Stadt I (Öffentliche Agenturen)

Auch die zweite Sektion beginnt mit einem kurzen Impulsreferat. Dadurch soll ein Gespräch initiiert werden, bei dem zur Sprache kommt, durch welche öffentlichen Agenturen (Theater, Museen, Bibliotheken etc.) die städtische Kultur in den rheinischen Städten der „Zwischenkriegszeit“ geprägt wurde.
Wiederum sind alle Teilnehmer gebeten, ihre eigenen Institutionen vorzustellen und deren Aktivitäten in den 1920er Jahren zu beschreiben, damit die Vielfalt und auch die Verflechtungen zutage treten, durch welche die Stadtkultur in dieser Zeit geprägt wurde. Zugleich können Ideen für Veranstaltungen entwickelt werden und wie diese in einem (ggf. virtuellen) Netzwerk von kulturellen Events 2023 inszeniert werden können.

Sektion 3: KulturRaum Stadt II (Privatinitiativen)

Die dritte Sektion folgt demselben Schema wie die zweite, nur das in ihr die privaten Agenturen der Stadtkultur zu ihrem Recht kommen sollen. Dazu gehören sowohl die religiösen Einrichtungen (Pfarreien, Gemeinden etc.), als auch alle Vereine und Vereinigungen, die sich in irgendeiner Weise kulturell betätigen. Ziel ist es auch hier, die Ausprägung derer in der Zeit zwischen 1918-1939 aufzuarbeiten und Ideen zu entwickeln, wie diese 2023 wieder zu beleben sind, um auf diesem Wege die Stadt als Kulturraum im Rheinland der Zwischenkriegszeit in Erinnerung zu rufen.

Sektion 4: Stadt-Räume in der Fläche

Der vierten Sektion ist es vorbehalten, die Spezifika der Stadtkultur im Unterschied zur ländlichen Kultur herauszuarbeiten, um solcherweise die Bedeutung des städtischen Raums für die Ausprägung der Kultur zu erkunden.
Eingeleitet wird auch sie durch ein Impulsreferat. Workshopteilnehmer, deren Institutionen nicht in größeren Städten angesiedelt sind, sind eingeladen in dieser Sektion ihre Einrichtungen vorzustellen und dabei deren Existenz und deren Aktivitäten in der Zwischenkriegszeit zu erläutern. Daraus können Ideen entwickelt werden, wie das geplante Netzwerk auch auf den ländlichen Raum ausgedehnt werden kann.

Im Verlauf der „Zwischenkriegszeit“ wird das Jahr 1923 in der Regel als Krisenjahr bezeichnet, weil aufgrund der ausgesetzten Reparationszahlungen französische und belgische Truppen das Ruhrgebiet besetzten. Darauf reagierte die Reichsregierung mit der Ausrufung des passiven Widerstands. Zugleich gab es politische Unruhen in verschiedenen Regionen des Reiches, so auch im Rheinland. Daran soll 2023 erinnert werden, und zwar indem kulturelle Veranstaltungen an verschiedenen Orten im Rheinland im Rahmen eines gemeinsamen Netzwerkes durchgeführt werden sollen. Der strukturellen Vorbereitung dieses Netzwerkes und der inhaltlichen Ausarbeitung von Programmideen soll der Workshop dienen.