Rezension / Büchertipp: Europa. Die Gegenwart unserer Geschichte.

Étienne Francois / Thomas Serrier (Hrsg.): Europa. Die Gegenwart unserer Geschichte, 3 Bde., Darmstadt 2019.
1.544 S., ISBN 978-3-8062-4021-4, 149,- €. 

An mehrbändigen Werken zu Erinnerungsorten fehlt es keineswegs. Ausgehend von P.?Noras Werken zu den Lieux de Mémoire in Frankreich und den Deutschen Erinnerungsorten von É. Francois und H. Schulz gibt es solche zu zahlreichen Nationen. Und neben bilateralen Werken wie den Deutsch-Polnischen Erinnerungsorten von H.?H.?Hahn und R.?Traba gibt es auch bereits eines zu den Europäischen Erinnerungsorten (P.?den Boer/ H.?Duchhardt/ G.?Kreis u.?a.). Warum also ein weiteres dreibändiges Werk, das die Gegenwart Europas auf der Basis seiner Geschichte thematisiert? 

Das, was neu ist, ist zunächst die Perspektive. Denn es sind Autoren aus der ganzen Welt beteiligt, wodurch die europäische Binnenperspektive aufgebrochen werden soll. Betrachtet wird dabei nicht die Vergangenheit des europäischen Kontinents, sondern die Geschichte oder die Geschichten, die darüber erzählt werden – ob in Wissenschaft oder anderswo. Schließlich sind es die Vorstellungen, die über diese Geschichte(n) entstehen, die das ausmachen, als was Europa heute betrachtet wird. Wer sich an alle die Diskussionen erinnert, was es denn sei, was Europa ausmache, wird dankbar sein, dass dieser Debatte ein weiteres Spektral hinzugefügt wird – oder auch nicht, denn es sind nicht weniger als 113 Artikel, einmal längeren, einmal kürzen Umfangs, durch die der Leser sich durcharbeiten muss. Versprochen wird allerdings auch nicht weniger als ein ganz neuer Blick auf Europa, der dadurch zustande kommen soll, dass von den zahlreichen Autoren viele aus einer außereuropäischen Perspektive auf Europa blicken. Auf diese Weise soll erreicht werden, dass Europa nicht – wie so häufig – aus einer Binnenperspektive betrachtet wird, wodurch zwangsläufig die in seiner Geschichte etablierten Sichtweisen perpetuiert würden, sondern eben aus dem Blickwinkel der außereuropäischen Welt. 

Ob dieses Versprechen tatsächlich durchgängig eingehalten wurde, erscheint fraglich, wenn man sich beispielsweise dem Kapitel zu den „Geschichten“ zuwendet, in dem im ersten Band elf Beiträge versammelt sind, die Geschichten thematisieren, die offenkundig als konstitutiv für Europa betrachtet werden. Dabei handelt es sich vornehmlich um Abstrakta wie Frieden und Menschenrechte, Vernunft und Demokratie, die gelegentlich mit Epochen in Verbindung gebracht werden, wenn es etwa um die Aufklärung oder die Wende von 1989 geht. Nur einer der elf Autoren (A. Nishiyama) stammt aus einem nichteuropäischen Land. Von den übrigen sind vier deutscher und drei französischer Herkunft. Aber nicht nur die disproportionale Verteilung nährt Zweifel an der Realisierung der Plans, sondern auch der Umstand, dass die Verfasser nicht beauftragt waren, einen Gegenstandsbereich jeweils komparativ zu behandeln, sondern jeder Autor eine andere Geschichte zur Sprache bringt, lässt die Disparität der Perspektiven schwerlich zutage treten.  

Das gilt in ähnlicher Weise auch für die anderen Kapitel, die sich mit anderen Geschichten befassen, die in oder außerhalb Europas über Europa erzählt werden. Nicht immer sind die Kapitelüberschriften so selbsterklärend, wie es bei „Die Wiege“ der Fall ist. Hier werden unterschiedliche Gründungsgeschichten Europas thematisiert, sei es der konstitutive Beitrag des Mythos und der Epik, der Religionen oder des Rechts, der Römer oder Barbaren sowie Averroes, dem offenkundig ein eigener Beitrag zuteil wird, weil er als Wanderer zwischen den Welten betrachtet wird. Warum der Anteil von Barrikaden- und Arbeitskämpfen, die Klassenauseinandersetzungen sowie Aspekte der Geschlechtergeschichte unter der Überschrift „Nahkampf“ abgehandelt werden, bleibt einigermaßen unergründlich.  

Auch die Kapitel des zweiten und dritten Bandes firmieren unter ähnlich anspielungsreichen Metaphern, wenn es unter anderem um „Helden und Verdammte“, „Landschaften und Imaginationen“, „Leidenschaften und Zaubereien“ (im zweiten Band) oder „Erobern“, „Benennen“, „Exportieren“ und „Austausch“ (im dritten Band) geht. Dabei kommen durchaus Erinnerungsorte zur Sprache, die man in anderen Werken vermisst, wenn etwa die Hexerei (II, 227-233) oder die Geschichte des Teufelspaktes (II, 234-239) erörtert werden. Aus aktuellem Anlass sei exemplarisch der Beitrag des serbischen Politologen T.?Kulji? hervorgehoben, der mit der Pest und dem Wolf zwei typisch europäische Erinnerungsorte thematisiert, die als solche zu Metaphern für den menschlichen Kampf gegen die bedrohliche Natur geworden sind (Bd. 2, S. 106-114). Beide haben im Laufe der Zeiten einen dynamischen Bedeutungswandel erfahren. Während der Wolf als Sinnbild für die Bedrohtheit der menschlichen Existenz spätestens im 20.?Jahrhundert diese Funktion eingebüßt hat, weil die von ihm ausgehende Gefahr endgültig bezwungen worden war, erfüllt die Erinnerung an den „schwarzen Tod“, die Pest des 14.?Jahrhunderts, weiterhin ihre Funktion, auf die von Epidemien ausgehenden Bedrohungen hinzuweisen, weil mit ihr weiterhin darauf verwiesen werden kann, dass die Menschheit solchen Pandemien mehr oder minder schutzlos ausgeliefert ist, wie es in der unmittelbaren Gegenwart zu erleben ist. 

Weniger bedrohlich erscheinen Beiträge wie der über „Wein und Bier“, in dem also die Getränkekarte Europas in den Blick genommen wird (Bd. 2, S. 322-325), und an anderer Stelle auch das Essen und die Speisegewohnheiten. Aber auch in diesen, mitunter beschaulich kurzen Abschnitten bleibt der komparative Aspekt zumeist deutlich unterbelichtet oder kommt kaum zum Vorschein. Ähnlich dem Wolf und der Pest sind sie typisch europäische Erinnerungsorte, die als solche in anderen Kulturen scheinbar keinerlei Rolle spielen. Und auch in den Kapiteln „Übergänge und Zusammenflüsse“ (Bd. 2, S. 353-440) sowie „Wörter und Ablagerungen“ (Bd. 2, S. 441-493) kommen eher die Schnittmengen zum Vorschein als die unterschiedlichen Perspektiven. Diesen ist vor allem der dritte Band vorbehalten, der unter dem Motto „Globale Verflechtungen“ steht. 

Dessen Konzeption besteht aus vier Schritten, wie der Herausgeber J.?Vogel erläutert: Zunächst wird in einzelnen Artikeln reflektiert, wie von Europa aus Eroberungen vor sich gegangen sind („Erobern“), die dann Adaptionen hervorgerufen haben, indem europäische Bezeichnungen und Praktiken den eroberten Kulturen oktroyiert wurden („Benennen“). Exportiert wurden, drittens, Kulturgüter materieller und ideeller Art von Europa in die eroberten Gebiete („Exportieren“), bevor es schließlich auch zu wechselseitigen Austauschprozessen kam („Austausch“). Es ist also vor allem dieser dritte Band, in dem die einleitenden Versprechen der Reihenherausgeber ihre Erfüllung finden. Eigentlich wird erst in ihm Europa neu gedacht, obwohl bei der Auswahl der „Meilensteine“ der europäischen Geschichte davon abgesehen worden sei, die alten Geschichten zur Beschreibung des Kontinents zu wiederholen, wie es allerdings – so muss hinzugefügt werden – in den beiden ersten Bänden in beträchtlichem Maße der Fall ist.  

Europa in seinen historischen Bezügen in globalen Zusammenhängen zu thematisieren, ist die erklärte Absicht der Herausgeber, um auf diesem Wege der Provinzialisierung zu entgehen, die der indische Historiker D.?Chakrabarty wie ein Menetekel an die Wand gemalt hat. Im Bewusstsein allerdings, dass der Blick auf die eigene Vergangenheit ein solcher sein muss, der nicht die eigene Sichtweise als die einzig legitime erachtet, wenden die drei Bände sich nicht der Geschichte, sondern den Erinnerungen – der Geschichte zweiten Grades – zu, also der Frage, welche und auf welche Weise Erinnerungsbestände das historische Bewusstsein in der Gegenwart beherrschen. Deshalb thematisiert der erste Band die europäische Erinnerungsperspektive, der zweite versucht, unterschiedliche Sichtweisen auf Europa und seine Vergangenheit zu eröffnen, bevor – wie bereits beschrieben – im dritten die globalen Verflechtungen zur Sprache kommen.  

Es ist also ein breites Spektrum, bei dem freilich – wohl ganz im Sinne der Herausgeber – die Grenzen keine festen Konturen annehmen. Denn die Problematik, was denn eigentlich Europa ausweislich seiner eigenen und der Erinnerungen der anderen sei, kann letztlich nicht gelöst werden. Wenn die Absicht ist, „mit diesem Buch … eine erste phänomenologische und strukturale Analyse der europäischen Erinnerungen in ihrer Gesamtheit“ zu entwerfen (Bd. 1, S. 17), dann folgert daraus die Einsicht, dass Europa in permanenter Veränderung begriffen ist, eben in dem Wechsel, wie sich die Erinnerungen verändern. In diesem Sinne sind die auf über 1.500 Seiten abundierenden Bände in der Tat nur ein erster Aufriss, der stetiger Erneuerung bedarf. Diesen ersten Aufriss durch die eigene Lektüre zur Kenntnis zu nehmen, ist schon deshalb ein spannendes Unterfangen, weil man dabei manches anders zu sehen lernt, als man es bislang betrachtet hat.