Rezension / Büchertipp: Köln im Spätmittelalter. 1288-1512/13.

Wolfgang Herborn / Carl Dietmar: Köln im Spätmittelalter. 1288-1512/13 (Geschichte der Stadt Köln, Bd. 4), Köln 2019.
629 S., ISBN 978-3-7743-0444-4, 60,- €. 

Wie bereits die vorausgegangenen, so ist auch der vierte Band der im Entstehen begriffenen Geschichte der Stadt Köln, die auf insgesamt 13 Bände angelegt ist, ein repräsentatives Werk stattlichen Umfangs geworden.1 Über 600 Seiten wollen auch bei einem durchaus luftigen Layout, welches die Lektüre zum Vergnügen macht, erst einmal gelesen sein. Da erfreut man sich schon des doppelseitigen Abdrucks des Verbundbriefes (S. 146f.), der – auch wenn man den Text trotz des Großformats des Buches nicht entziffern kann – im vorliegenden Band schwerlich hätte fehlen dürfen: schließlich gilt er als die Verfassungsurkunde, die das politische Leben in der Stadt – zwar nicht seit 1288, aber seit 1396 – regelte und, ergänzt durch den Transfixbrief von 1512/13, bis weit in die Neuzeit hinein bestimmte. Insgesamt kann die Auswahl an Abbildungen als gelungen betrachtet werden: Neben Bekanntem findet sich durchaus auch weniger Bekanntes und auch Karten sind gelegentlich eingestreut, wenn vor allem der Wechsel politischer Verhältnisse und kriegerisches Geschehen es ratsam erscheinen lassen. 

Hervorzuheben ist, dass Köln als spätmittelalterliche Großstadt einleitend anhand des Woensam-Plans von 1531 vorgestellt wird. Das Buch setzt also mit der bildlichen Vorstellung des städtischen Panoramas ein, das Vielen durch die Begegnung bei unterschiedlichen Gelegenheiten geläufig sein dürfte und das für den Unkundigen als ausladender Bildschnitt dem Band beigegeben ist. Von diesem Ausgangspunkt wird auf den nicht minder bekannten Mercatorplan von 1570/71 übergegangen und auf der Grundlage der städtischen Topographie nicht nur der räumliche Zuschnitt des spätmittelalterlichen Kölns, sondern dessen strukturelle Verfasstheit vor allem in Bezug auf die soziale Stratifikation und die wirtschaftlichen Verhältnisse thematisiert, bevor recht unvermittelt zu den politischen Verhältnissen übergegangen wird, deren Entwicklung die ersten 13 Kapitel gewidmet sind. Während in ihnen die ereignisgeschichtliche Darstellung herkömmlichen Zuschnitts dominiert, sind die folgenden Kapitel stärker strukturgeschichtlich ausgerichtet, wie es nahe liegt, wenn Wirtschaft (Kapitel 14-19), Kirchen- und Bildungswesen (Kapitel 20-28) und schließlich die Kunstszene, inklusive Mäzenatentum (Kapitel 29-31), zum Gegenstand werden. 

Es ist mithin ein imposantes Panorama, das vor dem geistigen Auge des Lesers ausgebreitet wird, und es erhält eine mannigfaltige Fülle an Informationen, die dem geneigten Kenner der Kölner Geschichte indes nur in wenigen Fällen neu sein werden. In der übergroßen Mehrheit sind es sattsam bekannte Sachverhalte, die erörtert werden, die auch deshalb keine überraschend neuartigen Wendungen erfahren, weil sie in ein narratives Arrangement eingebunden werden, das für innovative Sichtweisen keinerlei Raum eröffnet. Damit ist nicht gemeint, dass die neuere Forschung keine Berücksichtigung fände. Auch wenn die Darstellung aufgrund ihres (positivistischen) Duktus’ diese nur selten zum Vorschein bringt, indizieren Anmerkungsapparat und Literaturverzeichnis doch die immense Dichte der (Forschungs-) Literatur, die in den Band eingeflossen zu sein scheint. Es sind vielmehr die Konzentration auf die (nicht erst seit A. Stelzmann) üblichen Gegenstandsbereiche und das Festhalten an einer ereignis- und strukturgeschichtlichen Darstellungsweise, die Vergangenheit als eine unablässige Folge einander bedingender Fakten und untrüglicher Ereignisketten erscheinen lässt und dem Kenner das ein oder andere Déjà-Vu-Erlebnis bescheren. 

Von innovativen Forschungsfeldern haben die Autoren sich offensichtlich wenig inspirieren lassen. Perspektiven der neueren Kulturgeschichte oder besser: der kulturwissenschaftlichen Geschichte sucht man ebenso vergeblich wie erinnerungskulturelle Zugänge, die eine Stadtgeschichte ganz anderer Art zur Folge gehabt hätten. Damit wäre freilich auch die Preisgabe eines Ansatzes verbunden gewesen, der Geschichte für festgefügte Vergangenheit erachtet. Das Gegenteil ist richtig: Die Kölner Stadtgeschichte – zumal die des Spätmittelalters – wird seit langer Zeit erzählt, und zwar seit dem späten Mittelalter. Und dabei traten in der Historiographiegeschichte typische Geschichten zutage, die immer wieder repliziert wurden und nur langsam ihre Gestalt allmählich veränderten. Von alledem erfährt man im vorliegenden Band so gut wie nichts, wiewohl einschlägige Untersuchungen auch hierzu seit geraumer Zeit vorliegen. 

Stattdessen verharrt die Darstellung dabei, Ereignisse und Strukturen zu beschreiben. Das gelingt auf der Basis einer bekanntermaßen intimen Kenntnis der beiden Autoren über die Kölner Stadtgeschichte und ihrer Erforschung in der zu erwartenden Weise vollauf. Eine wissenschaftlich diskursive und abwägende Haltung wird man dagegen vermissen. Aber das ist auch nicht die Absicht der Verfasser, die ein Bildungsbürgertum herkömmlicher Prägungen bedienen wollen. Dieses wird sich glücklich schätzen, den prächtigen Band in seinen Regalwänden zu horten. Und, um keinen falschen Eindruck entstehen zu lassen: Wer den nicht ganz preiswerten Band erworben hat, verfügt über gediegene Informationen in gut lesbarer Form. Und das Lesen bereitet aufgrund der guten Ausstattung, samt des Anmerkungsapparats und der gut brauchbaren Register, wie wegen der Sorgfalt, mit der das ganze Buch verfertigt wurde, ein besonderes Vergnügen, wenn man ihn des abends auf den Schoß nimmt, um darin zu schmökern. Dieses Vergnügen darf man Vielen wünschen, und gleichwohl stellt sich die Frage, warum ein Werk wie das vorliegende zur Kölner Stadtgeschichte, dessen letzter Band noch einige Jahre auf sich warten lassen wird, keinem Konzept folgt, das den Essentials entspricht, die von der Geschichtswissenschaft inzwischen formuliert sind. Mit dieser Bemerkung aber soll nicht das Lesevergnügen getrübt, sondern sollen die Gedanken beflügelt werden, die der Lektüre folgen mögen.