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- Sonderausgabe -
Sonderausgabe 2 / 2020 - Zusatz-Newsletter Mai 2020

Editorial des stellv. Geschäftsführers und Schatzmeisters Arne Buntenbach

Liebe Mitglieder des Opladener Geschichtsvereins,
liebe Geschichtsfreunde,

eine weitere Woche mit Einschränkungen durch das Coronavirus neigt sich wieder dem Ende zu. Auch wenn die ersten Lockerungen ihre Effekte zeigen und sich das Leben wieder dem Normalzustand nähert, sind wir natürlich immer noch weit davon entfernt wieder zum „business as usual“ zurückzukehren. Entsprechend hoffen wir alle, dass zum einen die Maßnahmen ihren Beitrag leisten können, die Verbreitung dieser Krankheit zu verlangsamen und somit Leben zu retten. Ein Stück Normalität möchten wir vom Opladener Geschichtsverein vermitteln, indem wir unsere Arbeit so gut wie möglich den aktuellen Gegebenheiten angepasst weitertragen.

Krisen und Probleme haben den Menschen immer schon zu neuen Lösungen getrieben. Nicht anders ist dies auch in unserer Vereinsarbeit. So finden Treffen zwar nur noch digital statt, doch tut dies unseren Aktivitäten - von denen wir Ihnen in diesem Newsletter berichten - keinen Abbruch. Auch dieser Newsletter mit seiner erhöhten Frequenz ist ein Zeichen dafür, dass wir unsere Mitglieder auch in diesen Zeiten nicht allein lassen, sondern die weggefallenen Aktivitäten bestmöglich ersetzten. 

Falls Sie durch diesen Bericht Lust bekommen sollten, die derzeitige frei gewordene Zeit zusammen mit uns für die Geschichte unserer Stadt aufzubringen, würden wir uns sehr freuen, Sie - zumindest aktuell nur virtuell - in unserer Mitte begrüßen zu dürfen.

Bis dahin wünsche ich Ihnen Gesundheit und freue mich auf ein baldiges analoges Wiedersehen in der Villa Römer in nicht mehr allzu ferner Zukunft.

Mit besten Grüßen

Arne Buntenbach Stellvertretender Geschäftsführer & Schatzmeister


Historischer Beitrag: Der Opladener Landrat und der „Erbauer“ des Leverkusener Werks. Zu einem bislang unveröffentlichten Briefwechsel

Es ist immer wieder erstaunlich, auf was für interessante Quellen man bei der Recherche über Themen der Stadtgeschichte Leverkusens stoßen kann. Das jüngste Beispiel stammt aus den Recherchen, die Dr. Wolfgang Schartau für seine umfangreichen Beiträge für die im Februar 2019 erschienene Publikation „Kriegsenden in europäischen Heimaten“ im Archiv der Bayer AG durchgeführt hatte. Der leider inzwischen verstorbene promovierte Chemiker, der langjährig in leitender Position bei der Bayer AG tätig war, beschäftigte sich bei seinen Recherchen mit dem ab 1914 in Opladen ansässigen Landrat des Kreises Solingen, Adolf Lucas (s. Abb. 1), und dabei besonders mit dessen Beziehungen zu den Farbenfabriken Bayer in der Zeit des Ersten Weltkriegs. Hierbei war vor allem die Frage interessant, inwiefern Lucas mit Carl Duisberg (s. Abb. 2), ab 1912 Generaldirektor der Farbenfabriken und „Erbauer“ des Leverkusener Bayerwerks, korrespondierte.

Schartau fand bei seinen Recherchen im Bayer-Archiv heraus, dass es einen erhaltenen Briefwechsel zwischen Duisberg und Lucas gibt, der mit einer Postkarte von Lucas an Duisberg von Mai 1912 beginnt und mit einem Brief von Duisberg an Lucas von Januar 1935, also aus dem Todesjahr Duisbergs, endet. Dieser Briefwechsel, der aus knapp 50 einzelnen Briefen besteht, ist von der Forschung bislang nahezu unberücksichtigt geblieben. Die Edition der Briefe von Carl Duisberg, die Kordula Kühlem 2012 publizierte, enthält nur einen Brief von Duisberg an Lucas aus dem Jahr 1931. Werner Plumpe zitiert in seiner 2016 erschienenen Duisberg-Biographie lediglich zwei Briefe Duisbergs an Lucas aus dem Jahr 1913. Alle anderen Briefe sind bislang unpubliziert.

Der OGV hat vor, voraussichtlich im Jahr 2021 eine Edition aller Briefe zwischen Adolf Lucas und Carl Duisberg in der Reihe Montanus (Schriftenreihe zur Lokal- und Regionalgeschichte in Leverkusen) zu veröffentlichen. Wolfgang Schartau, dem der OGV in einem Nachruf im kommenden OGV-Kurier noch einmal gesondert gedenkt, regte eine solche Briefedition als eigenständige Publikation selbst an und war bis zu seinem Tod an dem Fortschritt der Arbeiten, die sich zunächst auf die Transkription der Lucas-Briefe konzentrierten, interessiert. Inhaltlich umfassen die Briefe mehre Themen, privat-familiäre, politisch-wirtschaftliche, mitunter aber auch solche, die den Landkreis Solingen bzw. die Farbenfabriken Bayer betreffen. Die Briefe haben häufig „Small Talk“-Charakter, ohne weitreichende politische Relevanz, sind aber biografisch bisweilen sehr aufschlussreich. Zudem besteht der besondere Reiz in einer Veröffentlichung der Briefedition darin, dass – auch im Zusammenhang mit dem sich langsam nähernden 50. Jahrestag der kommunalen Neugliederung von 1975 – die Korrespondenz eines berühmten „Opladeners“ mit einem berühmten „Leverkusener“ an das Licht der Öffentlichkeit kommt. Für lokal- und regionalgeschichtlich Interessierte dürfte dieser Briefwechsel also neue Einblicke durch die Präsentation von Originalquellen versprechen.

Im Folgenden wurden zwei Briefe aus dem Jahr 1933 ausgewählt, die einen Vorgeschmack auf die geplante Publikation liefern sollen. Der erste Brief stammt von Landrat Dr. Adolf Lucas und ist, wie fast alle Briefe von Lucas, handschriftlich geschrieben (s. Abb. 3+4). Lucas gratuliert Duisberg zu seinem 50-jährigen Dienstjubiläum bei den Farbenfabriken Bayer und geht dabei auf die Biographie Duisbergs und auf gemeinsame Erlebnisse ein. So enthält sein Brief die Information, dass sich Lucas und Duisberg schon kannten, bevor sie geschäftlich als Landrat bzw. Industrieller miteinander zu tun hatten. Aus dem Brief geht der Respekt vor der Lebensleistung Duisbergs, den Lucas den „Spiritus rector der Farben“ nennt, deutlich hervor. Im Jahr der Machtergreifung Hitlers verfasst, enthält der Brief am Ende auch eine eindeutige, bejahende Bemerkung zur aktuellen politischen Lage. Nachfolgend die wörtliche Transkription des Briefes von Lucas vom 21. September 1933:

Bonn, den 21.9.33

Sehr verehrter Herr Geheimrat Duisberg,

Soeben werde ich durch das Erscheinen Ihrer Lebenserinnerungen darauf aufmerksam, daß Sie am 29/9 das im wirtschaftlichen Leben so seltene, vielleicht sogar einzige 50jährige Jubiläum als Spiritus rector der Farben begehen. Um nicht ganz im Schwarm der Gratulanten unterzugehen, sende ich Ihnen heute schon, gleichzeitig im Namen meiner Frau, die herzlichsten Glückwünsche zu Ihrem Ehrentage. Vermutlich werden Sie ihn in derselben Frische begehen und überstehen, die Ihnen nun einmal angeboren und in so fabelhafter Weise erhalten geblieben ist. Den größten Teil Ihres arbeits- und erfolgreichen Wirkens habe ich ja aus nächster Nähe mit erlebt und durchlebt, zuerst nur als Ihr engerer Landsmann in Elberfeld […] – dann aber als Ihr zuständiger Landrat, der Jahrzehnte lang Ihren und der Farben glänzenden Aufstieg sehen, greifen und genießen konnte: der war wahrhaftig für den Kreis kein Pappenstiel. Sein Ansehen und seine guten Finanzen waren eng verknüpft

[Seitenumbruch]

mit Ihrer gewaltigen und genialen Schöpfung in Leverkusen. Ich will Ihnen keine lange Geschichte schreiben. Ich könnte es schon aus Kriegs- und Friedenszeiten. Sie dürfen aber gewiß sein, daß sich wenige mit mehr Behagen in Ihre Lebenserinnerungen vertiefen und ihres Verfassers mit mehr innerer Anteilnahme gedenken werden, als ihr früherer Kamerad und Landrat, der nur wünscht, daß all den Jahren intensivster Arbeit für Wirtschaft, Volk und Vaterland auch noch solche olympischer Ruhe – nicht ohne gelegentliche Ausbrüche in das verwirrte Getriebe der Jetzt-Zeit – an der Seite Ihrer alle Wogen und Runzeln fürsorglich glättenden Gattin folgen mögen und das recht viele. Also Heil und Sieg für Sie, Ihr Werk und das Vaterland mit seinem Führer! Denn geführt muß werden – das war auch Ihre Devise.

            Mit freundlichen Grüßen von Haus zu Haus

                        Ihr ergebenster

                                   Lucas

Carl Duisberg antwortete Lucas knapp einen Monat später, sein Brief liegt in einer Abschrift in Druckschrift vor (s. Abb. 5). Duisberg diktierte seine Briefe in der Regel und ließ Abschriften für die eigenen Unterlagen anfertigen, sodass hier keine Transkription nötig ist.

Wie aus dem Lucas-Brief hervorgeht, beging Duisberg sein goldenes Geschäftsjubiläum bei Bayer am 29. September 1933. Lucas entnahm diese Information, wie er selbst schreibt, den „Lebenserinnerungen“, ein Buch, das im gleichen Jahr von Duisberg, oder besser gesagt: im Namen Duisbergs veröffentlicht wurde. Tatsächlich war es Duisberg sehr daran gelegen, dass dieses von einem Ghostwriter verfasste Buch rechtzeitig zu Duisbergs Jubiläum fertig wurde. Duisberg nahm es hin, dass das Buch aufgrund des Zeitdrucks in einer stark gekürzten Fassung erschien, deren Text Duisberg selbst teilweise gar nicht kannte. Insofern ist es interessant, dass Duisberg in seiner Antwort an Lucas nicht etwa von „seinen“ Memoiren schreibt, sondern lediglich vom „Buch über meine Lebenserinnerungen“, was man als nüchterne, fast schon distanzierte Einstellung gegenüber dem Buch interpretieren kann.

Der Brief verrät am Ende auch etwas über Duisbergs politische Einstellung. Duisberg bestätigt die von Lucas geäußerte Zustimmung zum Hitler-Regime und beschreibt sich als unbedingter Anhänger des Führerprinzips, das er selbst in seinem Berufsleben immer vorgelebt und dies auch von seinen Mitarbeitern verlangt habe. Als habe er sie schon länger herbeigesehnt, wünscht er der Hitler-Regierung, dass sie Deutschland von „Schmach und Schuld“ befreien und in eine „neue Zukunft“ führen möge. Insgesamt ist der Brief ein gutes Beispiel dafür, wie in den Briefen zwischen Duisberg und Lucas Inhalte privater Natur und politische Anspielungen sowie offene politische Äußerungen nah nebeneinander stehen. (Philipp Schaefer)


Historische Wege (nicht nur) für Opladen

Trotz oder gerade wegen der aktuellen Ausgangssperre scheint der diesjährige Mai aufgrund des hervorragenden Wetters sehr zum Spazieren, Flanieren und Entdecken einzuladen. Wie bereits an einigen Stellen erwähnt, möchte der OGV hierbei für historisch Interessierte einige Rundwege in Opladen hinzufügen beziehungsweise neu beleben. Schon lange verfolgen wir als Verein das Ziel, die Geschichte unserer Stadt nicht nur in unserer „Zentrale“ - der Villa Römer - sondern im gesamten Stadtgebiet sichtbar zu machen.

Dieses Projekt schreitet derzeit voran und soll an dieser Stelle mit seinem aktuellen Sachstand in Kürze vorgestellt werden.

Bereits seit einiger Zeit sind Rundgänge vom OGV konzipiert und auch mit Audiobegleitung fertiggestellt worden. Konkret handelt es sich hierbei um die Rundgänge durch die neue Bahnstadt Opladen, die Balkantrasse bis zur Burscheider Stadtgrenze und dem Opladener Industrie- und Villenviertel.

All diese Rundgänge wurden bereits konzeptionell im Rahmen des Projektes zum Preußischen Jahrhundert entworfen. Darüber hinaus existiert noch ein weiterer Rundgang zur Opladener Siedlungs- und Architekturgeschichte seit 1900. Dieser Rundgang wurde in Zusammenarbeit mit dem Gemeinnützigen Bauverein Opladen entwickelt und behandelt naturgemäß auch die Rolle, die dieser wichtige Verein für die Wohngeschichte der Opladener gespielt hat.

Zusätzlich zu diesen bereits fertig konzipierten Teilen möchten wir noch zwei weitere Rundgänge entwickeln und in unser Angebot aufnehmen. Zum einen ist eine Beschilderung zu den Kernzellen Opladens geplant. Dieser soll sich an den historischen Besiedlungsschwerpunkten orientieren, die in der vor- und frühindustriellen Zeit die Entwicklung Opladens als Stadt überhaupt erst ermöglicht haben. Konkret werden dies die Stationen des Gutes Ophoven, der Friedenberger Hof, die Wupperbrücke, St. Remigius und die Opladener Altstadt (Kreuzung Altstadt-, Kölner und Düsseldorfer Straße) sein. Diese Punkte sind in ihrer Bedeutung für die Entwicklung unserer Stadt kaum zu unterschätzen, fristen jedoch im Bewusstsein der meisten Bewohner nur ein sehr untergeordnetes Dasein. Ein weitaus bekannteres Pflaster für viele Opladener dürfte der zweite geplante Rundgang sein, welcher die Geschichte des Opladener Stadtzentrums im Wandel der Zeit behandeln wird. Hier wird der Schwerpunkt in der aktuellen Fußgängerzone liegen und sich mit solch interessanten zum Teil immer noch in historischer Form erhaltenen Gebäuden wie der Marienschule oder den Resten des Aloysianums befassen wird. Neben den historischen Gebäuden werden aber natürlich auch zahlreiche Vorgängerbauten behandelt werden. Hierbei sind nur beispielhaft das alte Rathaus in der Bahnhofstraße oder das Postamt in Opladen genannt.

Bereits seit langer Zeit können die bestehenden Wege auf der Internetplattform www.izi.travel abgerufen werden. Hierbei besteht vor allem der Vorteil, sich als Wanderer auf den Wegen durch eingesprochene Texte begleiten zu lassen. Aktuell erfahren wir auf diesen Webseiten ein deutlich gesteigertes Interesse, welches wir durch Marketingmaßnahmen wie der Verlinkung auf unseren Social Media Kanälen (Facebook, Homepage etc.) weiter zu steigern versuchen. Augenscheinlich nutzen unsere Mitbürger die Corona-bedingt freiwerdende Zeit auch, um unser Angebot wahrzunehmen.

Nach wie vor sind wir für tatkräftige Mithilfe und Unterstützung Ihrerseits sehr dankbar. Konkret wartet auf uns als Verein noch einiges an Arbeit.

Perspektivisch gibt es natürlich noch viele weitere Möglichkeiten, unser hier entwickeltes Konzept auch auf andere Stadtteile Leverkusens auszuweiten. So wird der Förderverein Rheinische Industriekultur e.V. im nächsten Jahr Mittel vom Landschaftsverband Rheinland beantragen, um einen Rundweg zur Leverkusener Industriekultur zu erstellen. Hierfür werden wir bereits in diesem Jahr eine Objektliste erstellen, um diesem Antrag unsere inhaltliche Unterstützung zukommen zu lassen. Im Rahmen dieser Kooperation werden wir in der Lage sein, auch Orte in Schlebusch mit Bezug zur Textilindustrie, in Manfort mit Bezug zur Metallverarbeitung, in Hitdorf mit Bezug zu Tabakwaren und in Wiesdorf mit der Geschichte des dortigen Bayerwerks in unser Netz an Rundwegen aufzunehmen. Auf diese Weise ist es möglich, unsere Präsenz im Hinblick auf das gesamte Stadtgebiet zu stärken.

Falls Sie Interesse haben bei der Realisierung dieses Projektes mitzuhelfen, freuen wir uns sehr über Ihre Zuschrift unter dem Stichwort Rundgänge an die E-Mailadresse rundgaenge(at)ogv-leverkusen.de oder über Ihren Anruf. (Arne Buntenbach)


75 Jahre Kriegsende in Europa

Corona ist aktuell das beherrschende Thema. Allerdings gab es in den letzten Wochen auch eine zunehmende mediale Berichterstattung über das Ende des Zweiten Weltkrieges. Mehrere TV-Dokumentationen, die sich vor allem mit den Kindern des Krieges beschäftigten, da diese Zeitzeugen so langsam aussterben werden. Viele Gedenkveranstaltungen zur Befreiung von Konzentrationslagern und zum Ende des Krieges konnten in den letzten Wochen nicht wie geplant durchgeführt werden. Auch der OGV hatte Sie noch am 6. März zum zweiten Teil des Vortrages von Herrn Michael Gutbier zum Thema „1945 – Kriegsende und Beginn im Rheinland“ eingeladen. Herr Gutbier wollte diesen Vortag ursprünglich am 8. Mai im Ratssaal des Verwaltungsgebäudes Goetheplatz 4 halten.

Allerdings hat Herr Gutbier fünf Jahre zuvor, am 6. Mai 2015, in der Aloysius-Kapelle einen Vortrag mit dem Titel „Das Kriegsende in Opladen – ein Rückblick nach 70 Jahren“ gehalten. In diesem Vortrag lagen die Schwerpunkte auf dem Bombenkrieg, das Kriegsende und den Neuanfang. Sie haben die Gelegenheit auf eine kleine Zeitreise zurück zu gehen und sich diesen Vortrag anzuschauen. Wir vom OGV hoffen, dass wir Sie bald wieder in der Villa Römer oder im Stadtgebiet zu unseren Vorträgen begrüßen dürfen! (Christian Drach)

Video vom Vortrag vom 6. Mai 2015

Video vom Ökumenischen Gottesdienst vom 6. Mai 2015


Neuer Kooperationspartner in Raciborz: >Stowarzyszenie ODRA 1945< stellt sich vor

Abb. 1 + 2:
Vereinsmitglieder präsentieren einen Original-Grenzstein des Herzogtums Ratibor im Museum Schloss Racibórz. Eine Kopie des Grenzsteins wurde am Fundort im Wald bei Racibórz platziert (Foto: Stowarzyszenie ODRA 1945)
Abb. 3 + 4:
Vereinsmitglieder im Inneren der Schatzkammer der ehemaligen Stadtsparkasse Ratibor und bei Ausgrabungen (Foto: Stowarzyszenie ODRA 1945)

Unter den Gästen des 40-jährigen OGV-Jubiläums und des 16. Geschichtsfestes im September vorigen Jahres waren auch unsere Freunde vom TMZR (Gesellschaft der Freunde des Ratiborer Landes) aus Leverkusens Partnerstadt Ratibor. Als neues Mitglied Ihrer Delegation durften wir damals Robert Lasak begrüßen, der den Verband „ODRA 1945“ repräsentierte. Es ist eine relativ neue Gruppe historisch interessierter junger Menschen, die sich nun den OGV-Mitgliedern und Geschichtsfreunden in Leverkusen hier vorstellen möchte.

Wir, der Verein Stowarzyszenie ODRA 1945, sind eine Gruppe von Enthusiasten, die sich mit der Geschichte von Racibórz/ Ratibor im Zeitabschnitt von der Jahrhundertwende um 1900 bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 beschäftigt. Daher kommt auch unser Name: Die Oder (Polnisch Odra) ist seit Jahrhunderten ein Zeuge der Geschichte dieses Landstriches – gleichbleibend und konstant – und das Datum 1945 unterstreicht die zeitliche Eingrenzung unseres Interesses. Wir interessieren uns besonders für das Alltagsleben der Einwohner der Stadt, für Unternehmen, Fabriken, Handwerksbetriebe. Kurzum alles, was die Stadtgesellschaft Ratibors in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg ausmachte und prägte.

Seit 2019 arbeiten wir im Rahmen des Projektes „Stadtentwicklung in der Zwischenkriegszeit in Europa“ mit dem OGV in Leverkusen zusammen. Wir engagieren uns auf verschiedenen Ebenen, und die Auswirkungen unserer Aktivitäten werden zeitnah im Internet veröffentlicht. Hier können Sie auch die Vorträge und Präsentationen live mitverfolgen. Informationen über all unsere Aktivitäten finden Sie auf unserem Facebook-Profil: www.facebook.com/ODRA45. Dort können Sie eine Galerie mit über 1.000 Fotos anklicken, die unsere Aktivitäten dokumentieren und historische Orte von Racibórz / Ratibor vorstellen.

Manchmal finden wir Spuren aus der Vorkriegszeit, die heute noch existieren und den Einwohnern unserer Stadt nicht bekannt sind. So ist es uns beispielsweise gelungen, das Innere der nach dem Ersten Weltkrieg eingerichteten Schatzkammer (Tresorraum) der damaligen Stadtsparkasse Ratibor zu filmen, die sich noch immer im Keller des bis heute existierenden Gebäudes am Marktplatz befindet.

Wir arbeiten mit vielen anderen Organisationen und Verbänden in der Region zusammen. Dank dieses Netzwerkes konnten wir in Zusammenarbeit mit einem tschechischen Verein das Wrack eines im Zweiten Weltkrieg abgestürzten Flugzeugs vom Typ Messerschmitt Bf 109 finden und bergen. Eines unserer letzten Projekte war die Rettung eines Grenzsteins der Herzoglichen Familie von Ratibor. Gemeinsam mit der Verwaltung des Piasten-Schlosses in Racibórz, den Behörden der Stadt Racibórz und dem Forstbezirk Rybnik (Anm. d. Ü.: eine benachbarte Kreisstadt) konnten wir den im Wald bei Racibórz gefundenen Originalstein in die Ausstellung im Schloss verlegen. Eine  getreue Kopie des Steins wurde an dem Ort, an dem er gefunden wurde, platziert.

Wir präsentieren und betreuen eine Dauerausstellung im Piasten-Schloss Racibórz, wo wir verschiedene Objekte und Fotos aus der Vorkriegszeit zeigen. In der Ausstellung sind Objekte zu sehen, die mit den in der Stadt im oben genannten Zeitabschnitt existierenden Industriebetrieben zusammenhängen sowie Ratiborer Münzen, Geldscheine (das sogenannte Notgeld) und Gegenstände des täglichen Gebrauchs. (Robert Lasak; Übersetzung: Maria Lorenz)


Projekt „SEiZiE“: Das „Team Buckingham“ stellt sich vor

Sarah Fitzpatrick und Dr. Matthias Strohn von der University of Buckingham schließen sich dem Erasmus+-Projektteam an und unterstützen wissenschaftlich unsere Mitstreiter aus Bracknell, der Leverkusener Partnerstadt im Vereinigten Königreich.

Buckingham ist eine kleine, historische Marktstadt und liegt etwa 40 Meilen von Bracknell entfernt. Die University of Buckingham ist die älteste private Universität Großbritanniens und wurde 1973 gegründet. Sie erhielt 1985 den vollen Universitätsstatus. Die Universität hat etwas mehr als 3 000 StudentInnen an sechs Fakultäten und etwa 100 akademische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die StudentInnen studieren zwei Jahre lang intensiv auf dem Buckingham Campus der Universität, um einen Honours-Abschluss (Bachelor mit entsprechend guter Abschlussnote) zu erlangen, sodass in drei Jahren ein Master-Abschluss erreicht werden kann. Der Campus ist voller historischer Gebäude: hierzu gehören ein restauriertes Kloster, eine umgebaute Milchfabrik, eine Militärkaserne und eine Reihe von Gebäuden aus dem 18. und 19. Jahrhundert.

Sarah Fitzpatrick ist Leiterin der Abteilung für Geschichte und Kunstgeschichte, wo sie über das kulturelle Erbe sowie über die Verwaltung und Leitung kleinerer Kulturerbe-Organisationen forscht und lehrt. Sie ist Expertin für die Vermittlung von Geschichte und Kunstgeschichte mit beträchtlicher Erfahrung im Kultursektor und Treuhänderin eines Museums in South Buckinghamshire.

Dr. Matthias Strohn, der an dem in Leverkusen durchgeführten Projekt „Euphorie und Neuanfang“ über die Zeit von 1914 bis 1918 beteiligt war, ist Senior Reader am Geisteswissenschaftlichen Forschungsinstitut der Universität, spezialisiert auf die Geschichte der Kriegsführung im 20. Jahrhundert. Matthias hat ein besonderes Interesse an den Weltkriegen, an der Zwischenkriegszeit, an Kommando- und Führungsstrukturen des Militärs sowie an der Theorie und Praxis von militärischen Schlachten. Er ist Leiter des Centre of Historical Analysis and Conflict Research (CHACR), der Denkfabrik der Britischen Armee, und Mitglied der Abteilung für Kriegsstudien an der Königlichen Militärakademie Sandhurst.

Der Fachbereich Geschichte der University of Buckingham verfügt auch über Wissenschaftler, die sich auf die Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts spezialisiert haben, und bei Bedarf können sich auch andere Mitglieder des Fachbereichs an dem Projekt beteiligen.

Sowohl Sarah als auch Matthias freuen sich sehr darauf, gemeinsam mit dem Projektteam die Entwicklung Leverkusens und seiner Partnerstädte in der Zwischenkriegszeit zu analysieren. Sie freuen sich darauf, die Projektpartner persönlich zu treffen, Ideen und Wissen auszutauschen und gleichzeitig Verbindungen zum Netzwerk in ganz Europa zu knüpfen. (Sarah Fitzpatrick; Übersetzung: Philipp Schaefer)


Rezension / Büchertipp: Gefährliche Zeiten. Ein Leben im 20. Jahrhundert.

Eric Hobsbawm: Gefährliche Zeiten. Ein Leben im 20. Jahrhundert. Aus dem Englischen von Udo Rennert, ND Darmstadt 2019.
499 S., ISBN 978-3-8062-3894-5 (in Verbindung mit Eric Hobsbawm: Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte im 20. Jahrhundert), 78,- €. 

Eines der wirkmächtigsten Bücher Eric Hobsbawms (1917-2012) trägt den Titel „Invention of Tradition“. Darin erläutert er, wie Traditionen nicht einfach Fortsetzungen von Gewesenem sind, sondern auch ganz bewusst ins Leben gerufen werden können. Das gilt sicher auch für Biographien und vor allem Autobiographien wie der vorliegenden, in der einer der bekanntesten Neuzeithistoriker des 20. Jahrhunderts sein Leben in Abrissen erzählt. Dessen aber ist der Autor sich vollauf bewusst: Nicht zuletzt macht er das mit einem Augenzwinkern im Epilog seines umfassenden Bandes deutlich, wenn er zugibt, Biographien hätten ein natürliches Ende, Autobiographien nicht. Damit macht er klar, dass auch seine Lebensbeschreibung eine Konstruktion ist, die der Verfasser zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt, mit einer ganz bestimmten Sicht auf die zurückliegenden Zeiten schreibt. 

Diese reflexive Attitüde durchzieht das ganze Buch, ohne dass sie dabei penetrant zutage treten würde. Mit seiner zwar selbstbewussten, aber stets die eigene Eitelkeit zugleich wieder süffisant konterkarierenden Haltung gelingt es E. Hobsbawm „ein Leben im 20. Jahrhundert“ aufzuzeigen, das einerseits selbstverständlich die Besonderheiten eines Intellektuellen getragen hat und andererseits ganz typische Züge eines Menschen, der nahezu das gesamte 20. Jahrhundert durchwandert hat. 

Dabei ist Durchwandern durchaus auch im räumlichen Sinne ein angebrachter Begriff. So ist die eigenartige Schreibweise seines Nachnamens nur der Unachtsamkeit eines britischen Kolonialbeamten in Ägypten geschuldet, der aus dem U ein W und aus dem Neugeborenen einen Hobsbawm anstatt einen Hobsbaum machte, wie es dem Nachnamen seiner jüdischen Familie entsprochen hätte. Dabei war sein Vater ein britischer Staatsbürger, während seine Mutter einer österreichischen Familie angehörte. In den Kreis der mütterlichen Verwandtschaft zog es die junge Familie bereits 1921 auch wieder zurück, bevor der Vater 1929 frühzeitig und die Mutter nur zwei Jahre später verstarb, so dass der jugendliche Eric und seine jüngere Schwester als Waisen mit Onkel und Tante nach Berlin übersiedelten, wo der Patchwork-Familie kein Wohlstand, aber zumindest für die nächsten Jahre ein gesichertes Einkommen zur Verfügung stand. Das ermöglichte es dem zweisprachig aufgewachsenen Eric weiterhin ein Gymnasium zu besuchen, das er freilich nicht zum Abschluss bringen konnte, weil die Familie 1934 erneut umzog; dieses Mal nach England, wo ein weiterer Teil der Hobsbaums ansässig war. 

Mit London schloss der Jugendliche, der sich mit seinem Cousin (später ein erfolgreicher Musikverleger) sogleich dem Jazz verschrieben hatte, ganz allmählich Freundschaft. Zwar kam ihm die Großstadt London zunächst als ein wenig heimatlicher Ort vor, gleichwohl ermöglichte sie ihm, weiterhin seinen literarischen Interessen nachzugehen und seinen Schulabschluss zu vollenden. Dieser brachte ihm ein Stipendium an der Cambridge University ein, in deren berühmten King‘s College er viele Jahre seines weiteren Lebens verbrachte. Unumwunden gibt er zu, dass die Universität in den 1930er Jahren nicht eben für ihre Exzellenz in der geisteswissenschaftlichen Forschung bekannt gewesen sei, sondern Wirtschaftswissenschaften und Biochemie die Fächer darstellten, die damals international reüssierten. Dafür aber bot die Universität mit ihren durchaus gemäßigten Anforderungen neben den Studien genügend Zeit, sich einer zweiten Leidenschaft hinzugeben, die den Neuzeithistoriker zeit seines Lebens umtrieb, nämlich der Politik. 

Bereits in seinen Berliner Jahren hatte Eric sich als Halbwüchsiger dem Sozialismus zugewandt und trat nun der Kommunistischen Partei Englands bei. Er wird nicht müde, in seiner Autobiographie sein Bekenntnis zum Kommunismus immer wieder zu erneuern, indem er weite Teile der Darstellung dem Ausleben eben dieser Leidenschaft widmet. Aktivist war er durchaus, wenn freilich in dem Sinne eines Intellektuellen, der sich nicht an die Front von Demonstrationszügen oder Streiks stellt, sondern wortgewaltig oder zumindest inspirierend an die Spitze von geistigen Bewegungen. Dies beschreibt der Verfasser immer wieder, wenn auch für den mit der Entwicklung der britischen KP nicht Vertrauten nicht immer in der notwendig detaillierten Weise, wie es wünschenswert gewesen wäre. Dafür aber beleuchtet er gut nachvollziehbar, wie sich die ablehnende Haltung gegenüber dem Kommunismus erst nach 1945 wirklich ausbildete, während dieser in den 1930er und 1940er Jahren in Cambridge noch viele Anhänger besaß und noch kein wirkliches Hindernis für das berufliche Fortkommen in Behörden und Wissenschaft war. 

Das änderte sich mit dem Kalten Krieg, während dem der Kommunismus zum verzerrten Feindbild wurde, nicht zuletzt durch die Gestalt, die er durch den ideologischen Führungsanspruch der KPdSU erhalten hatte, der weltweit beherrschend wurde. Deshalb war die Erschütterung so stark, als N. Chruschtschow auf dem XX. Parteitag der KPdSU 1956 die brutalen Verbrechen Stalins entdeckte, der bis dahin als unumstrittener und unhinterfragbarer Führer gegolten hatte. Diese Entdeckungen brachten die kommunistischen Parteien in allen Ländern in Misskredit. Nicht anders in England, wo der promovierte Historiker E. Hobsbawm, dessen kommunistische Haltung allgemein bekannt war, noch immer nicht die erhoffte Universitätsprofessur erhalten hatte. Er führt diesen Karriereknick – ohne es explizit zu benennen – auf seine politische Haltung zurück und empfindet das umso ärgerlicher, als er in der Retrospektive zugleich erkennt, dass der Zweite Weltkrieg ihm sechs Jahre seines Lebens gekostet habe. Während andere, vor allem die sprachgewandten Cambridge-Historiker, häufig in den Dechiffrierdienst des Militärs eingezogen wurden, musste der nicht minder polyglotte jüdische Brite, der bis dahin lange Jahre seines Lebens in Mitteleuropa verbracht hatte, in einer weitgehend unbeschäftigten Pioniereinheit Dienst tun, was ihn von Kampfhandlungen fernhielt, weil er während des Krieges zu keiner Zeit die Insel Großbritannien verließ. „Wenn ich meine persönliche Erfahrung im Zweiten Weltkrieg in wenigen Worten zusammenfassen soll,“ so schreibt er, „dann würde ich sagen, dass er mich um sechseinhalb Jahre meines Lebens gebracht hat“ (S. 183), und fügt an anderer Stelle hinzu: „Was die größte und entscheidendste Krise in der Geschichte der neuzeitlichen Welt betraf, war meine Anwesenheit völlig unerheblich.“ (S. 201) Daraus spricht einiges an Frustration, die nicht zuletzt darin begründet gelegen haben mag, dass sein wissenschaftliches Fortkommen während dieser Zeit brach lag, auch wenn er 1945 sein Stipendium in Cambridge wieder aufnehmen konnte.

Über seine beeindruckende Karriere als Wissenschaftler erfährt der Leser nicht allzu viel. Es sind eher Randnotizen, die Hobsbawm darüber zum Besten gibt, so dass die Bezüge nicht ganz greifbar, aber tastbar werden, in denen seine Karriere sich vollzogen hat. Neben den familiären Bezügen, bei denen freilich jederzeit die gebotene Distanz gewahrt wird, sind es vor allem die Verhältnisse in Cambridge, in dessen King‘s College er offenkundig für lange Jahre eine seiner vielen Heimaten gefunden hat, und vor allem die zahlreichen persönlichen Bekanntschaften, die sich auf dem Lebensweg punktuell als auch dauerhaft ergeben haben. Zumal der Autor offenkundig Freude daran empfindet, die auftretenden Personen sowohl in ihrer äußeren Gestalt als auch als inwendige Charaktere darzustellen, und zwar so, wie er sie wahrgenommen zu haben meint. So nehmen nicht nur sie, sondern auch der sich dabei immer wieder als subjektiver Beobachter entlarvende Autor menschliche Züge an.

Es ist beeindruckend, wie der Autobiograph immer wieder zwischen dem, was er in der Erinnerung meint erlebt zu haben und dem, was Historiker über die Zeit aussagen, zu changieren versucht. Hilfreich dabei sind ihm Tagebücher, die er während einiger Phasen seines Lebens geführt hat und in denen er manche Einträge gefunden hat, die er sich selber nicht mehr zu erklären vermag. Darin liegt eine der Stärken des lesenswerten Bandes, dass sein Autor keineswegs der Auffassung huldigt, als Zeitgenosse könne er verbindliche Auskunft darüber geben, was sich in den vergangenen Zeiten zugetragen hat. Es ist ihm durchaus bewusst, dass er aus einer Perspektive erzählt, die das Resultat seines persönlichen Miterlebens und seiner subjektiven Erfahrung sind. Dass das Buch eine „unpersönliche Autobiographie“ sei, wie ein Rezensent bemerkt zu haben meint, lässt sich schwer nachvollziehen, wenn man sich erst einmal auf das Buch und den Mann, der es geschrieben hat, eingelassen hat. Sicher aber ist es eine außergewöhnliche Autobiographie, wie sie einem außergewöhnlichen Wissenschaftler mit einem bemerkenswerten politischen Interesse entspricht, wie auch dem typisch britischen Understatement, dem sich der polyglotte Kosmopolit offenkundig letztlich nicht hat entziehen können.

Verwundert ist man weniger der Form halber, als wegen des Buchtitels. Auch wenn E. Hobsbawm das 20. Jahrhundert an anderer Stelle als ein „Zeitalter der Extreme“ beschrieben hat – von persönlichen Gefahren, die ihm auf seinem langen Lebensweg begegnet wären, ist in seiner Autobiographie kaum bis gar nicht die Rede. Vielleicht hat er auch ihn in der Nachbetrachtung als extrem, aber wohl kaum aus gefährlich empfunden. Interesting times lautet der Titel der englischen Originalausgabe, der deutlich besser zu passen scheint. Zwar sind alle Zeiten interessant, vor allem, wenn man sie miterlebt hat, aber Hobsbawm vermag es, seine Zeit auch demjenigen interessant werden zu lassen, der sie nicht miterlebt hat. Deshalb sei das Buch all denjenigen zur Lektüre empfohlen, die sich für Andere in anderen Zeiten interessieren. (Wolfgang Hasberg)


Rezension / Büchertipp: Kampf um Polen

Wolfgang Templin: Der Kampf um Polen. Die abenteuerliche Geschichte der Zweiten Polnischen Republik 1918-1939, Paderborn 2018.
256 S., ISBN 978-3-506-78757-6, 39,90 €. 

Ein Buch, das der Rubrik „Historisches Sachbuch“ zuzuordnen ist, liegt auf dem Tisch. Verfasst von einem Bürgerrechtler, der seit der Mitte der 1980er Jahre in verschiedenen Funktionen am Protest gegen das DDR-Regime mitwirkte und 1989/90 Mitglied und Sprecher des Runden Tisches war, an dem sich in diesen Jahren Vertreter der oppositionellen Gruppierungen versammelten, die konstruktiven Einfluss auf die Regierung der noch existenten DDR zu nehmen versuchten. Vorbild war der Runde Tisch, der im Frühjahr 1989 in Polen entstanden und dort an der Überführung des sozialistischen in einen demokratischen Staat beteiligt war. Doch nicht vornehmlich diesem Umstand dürfte das Interesse W. Templins an Polen geschuldet sein. Vielmehr hat er dort, in Warschau, 1976/77 studiert und erste Kontakte mit der polnischen Opposition aufgenommen. Von 2010 bis 2013 war er dann Leiter des dortigen Büros der Heinrich-Böll-Stiftung.

Das erklärt, warum er sich nun dem Schicksal Polens zuwendet, das erst nach dem Ersten Weltkrieg wieder zu einem Nationalstaat geworden war. Nachdem es aufgrund der sogenannten Polnischen Teilungen am Ende des 18. Jahrhunderts seiner staatlichen Souveränität verlustig gegangen war, erhielt es erst über 100 Jahre später, nämlich in Folge des Versailler Vertragswerkes, seine Eigenständigkeit zurück. Dem war ein langer Unabhängigkeitskampf mit zahlreichen Aufständen vorausgegangen. Davon erzählt das Buch – in seiner ersten Hälfte.

Ihren Ausgang nimmt die enzyklopädisch anmutende und manchmal im latenten Stakkato daherkommende Schilderung des staatlichen Schicksals Polens bei einer Rede, die der erste Präsident der 1919 neu etablierten Republik Polen 1914 im Pariser Exil hielt, zu der sich mehr als 500 Zuhörer – zum größten Teil auch sie Exilanten – einfanden. Darin legte Józef Pilsudski (1867-1935) seine Vorstellungen eines neu zu gründenden Nationalstaats dar. Darin erwies der Führer der polnischen Sozialisten sich gegenüber den idealistischen Kommunisten, die ebenfalls im Exil weilten und deren heute bekannteste Vertreterin Rosa Luxemburg war, als realpolitischer Visionär, der in dem von ihm keineswegs herbeigesehnten Krieg die Chance erblickte, die nationale Souveränität Polens zurückzugewinnen. Auf welche glorreiche Vergangenheit sich diese gründen konnte, wird abrisshaft in Kapiteln beschrieben, die mit Titeln wie „Träume vergangener Größe“ oder „Generation der Unbeugsamen“ überschrieben sind. Insgesamt lesen sich die ersten Kapitel als eine positivistische Skizze der politischen Ereignis- oder eher Machtgeschichte mit einer klar pro-polnischen Attitüde, wie sie etwa in der messianischen Formulierung „Polen ersteht wieder auf“ zum Ausdruck kommt.

Mit Auferstehung ist die Errichtung des Nationalstaats 1918/19 gemeint, dem während der Kriegsjahre unterschiedliche staatliche Konstellationen vorausgegangen waren, bis die Mittelmächte 1916 ein Königreich errichteten, dessen Aufgabe nicht zuletzt darin bestand, eine Pufferzone gegen Russland zu bilden. Neu ausgehobene Truppen unter der Führung Pilsudskis hatten die polnischen Legionen zu einem militärischen Faktor werden lassen, den es zu nutzen galt. Dem Staatsrat gehörte zunächst auch Pilsudski an, bis er diesen 1917 verließ und daraufhin in deutsche Gefangenschaft genommen wurde. Der polnische Sozialistenführer ist zweifellos der Protagonist der ersten Hälfte des vorliegenden Bandes und wird als Realpolitiker beschreiben. Schließlich war er bis 1917 an der Übergangsregierung unter deutscher Kontrolle (Regentschaftsrat) beteiligt. Von Beginn an stand die polnische Republik unter einem dualistischen Gefüge, insofern sich gesellschaftlich die „Legionäre“, die Anhänger Pilsudskis, und die Nationaldemokraten gegenüberstanden. Nach dem Wahlsieg der Letztgenannten musste der Sozialistenführer sich in die Opposition begeben, aus der heraus er 1926 einen Putsch anführte, aus dem schließlich ein autokratisches System hervorging, das auch die Verfassung entsprechend anpasste und den Tod Pilsudskis (1935), der verschiedene Regierungsämter inne gehabt hatte, überstand.

Auch die wechselvolle Geschichte Polens, das im Zweiten Weltkrieg erneut zwischen die Fronten geriet, wird auf diese Weise dargestellt: als eine schier endlose Folge von Ereignissen, handelnder Personen und wechselnder Konjunkturen, die zumeist krisenhafte Züge annahmen. Außenpolitisch wiederholt sich das Szenario des 18. Jahrhunderts quasi im Zeitraffer, als nach den deutsch-polnischen und sowjetisch-polnischen Nichtangriffsverträgen von 1934 der Hitler-Stalin-Pakt 1939 den Weg frei machte, um Polen erneut zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion aufzuteilen.

Soweit die kurze Geschichte der Zweiten Polnischen Republik, über die man mancherlei Reflexionen anstellen könnte. Das allerdings unterbleibt im vorliegenden Buch, das die Ereignisgeschichte als eine schier unendliche Aneinanderreihung von Namen, Daten und scheinbar in der Vergangenheit real gegebener Zusammenhänge entfaltet und dabei den unbedarften Lesern nicht selten vor die unlösbare Aufgabe des permanenten Memorierens stellt. Zwischenfazits sind kaum zu finden, und das kritische Innehalten, um dargebotene Sachverhalte von unterschiedlichen Seiten zu beleuchten und kritisch zu hinterfragen, liegt offenkundig gänzlich außerhalb der Absichten des Autors.

Es ist ein Buch ohne jedes Moment von Diskursivität. Selbst den leisesten Hauch von Zweifel gegenüber der Darstellung von Ereignissen und von vermeintlichen Geschehenszusammenhängen sucht man vergeblich. Es ist die Rückkehr zur Meistererzählung traditioneller Prägung, in der sich der Autor als auktorialer Erzähler geriert und sich der dargestellten Erzählzusammenhänge derart sicher ist, als hätte er dem ihr zugrunde liegenden Geschehen selber beigewohnt oder es gar in eigener Autorität inszeniert. Zu Auseinandersetzungen mit der laut Bibliographie herangezogen Fachliteratur kommt es an keiner Stelle; allenfalls affirmativ wird im Text auf sie hingewiesen – geradewegs so, als erzählte die Geschichte sich selbst.

Die einzige Stelle, an der die streng chronologische Reihung unterbrochen wird, ist der Prolog, in dessen Mittelpunkt die bereits erwähnte Rede Pilsudskis 1914 in Paris steht. Sie hätte als eine Art Spiegelachse dienen können, anhand derer das Wirken Pilsudskis zum Wohle des polnischen Staates an entsprechender Stelle – anlässlich seines Todes etwa – hätte bewertet werden können. Doch so weit wollte der Autor seine rhetorischen Finten offenkundig nicht treiben, um sich nicht von der vermeintlich vorgegebenen chronologischen Linie ablenken zu lassen. So liegt ein Sachbuch auf dem Tisch, das eine Fülle an Informationen enthält, die ohne Zweifel das Geschehen, soweit es sich rekonstruieren lässt, angemessen wiedergeben. Was ihm allerdings fehlt sind die Spannungsbögen und die kritischen Reflexionen, die bei der Lektüre historischer Bücher die Würze sind, mit der die derbe Kost der Chronologie an Geschmack gewinnt. (Wolfgang Hasberg)


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