Geschichte neu denken: Zukunftswerkstatt gibt Impulse für die Vereinsarbeit von morgen
Zukunftswerkstatt „Quo vadis lokale Geschichtsarbeit“ – Ergebnisse, Herausforderungen und Perspektiven
Am 11. und 12. April 2026 fand in der VHS-Außenstelle Schusterinsel in Leverkusen die gemeinsame Zukunftswerkstatt von JGV und OGV statt. 22 Teilnehmende haben intensiv darüber diskutiert, wie sich Geschichtsvereine künftig aufstellen müssen, um auch in veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen wirksam zu bleiben.
Ausgangspunkt war dabei eine nüchterne Analyse:
Geschichtsvereine stehen vor der Herausforderung, ihre gesellschaftliche Relevanz zu sichern, neue Zielgruppen zu erreichen und ihre Arbeitsweisen an veränderte Erwartungen anzupassen. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass sich Angebote zu stark auf bestehende Milieus beschränken und damit an öffentlicher Wirkung verlieren.
Die zentrale Frage lautete daher:
Wie gelingt es, Geschichte so zu vermitteln, dass sie für unterschiedliche Gruppen relevant, zugänglich und anschlussfähig wird?
Der Verein der Zukunft: klar ausgerichtet und gesellschaftlich wirksam
Ein zentrales Ergebnis der Werkstatt ist das gemeinsame Leitbild eines Vereins, der:
- über eine klare Zielgruppenstrategie verfügt
- aktiv zur Entwicklung vor Ort beiträgt – insbesondere in Stadtentwicklung, Erinnerungskultur und Stadtidentität
- seine historischen „Schätze“ sichtbar macht und dauerhaft in der Öffentlichkeit präsent hält
- sich als Akteur historisch-politischer Bildungsarbeit versteht
- flexibel in Inhalten, Formaten und Ansprache agiert und seine Arbeit regelmäßig reflektiert
- bewusst auch diejenigen erreicht, die bislang keinen Zugang zur Geschichte hatten
Damit verschiebt sich der Fokus deutlich:
vom reinen Bewahren hin zum aktiven Gestalten von Stadtgesellschaft.
Zielgruppenorientierung als Schlüssel
Ein wesentlicher Diskussionspunkt war die Frage, wen die Vereine künftig erreichen wollen – und wie.
Dabei wurde klar zwischen verschiedenen Gruppen unterschieden:
- Kernzielgruppe: engagierte Mitglieder und Geschichtsinteressierte als tragende Säule
- Multiplikatoren: Schulen, Politik, Verwaltung, Medien und Vereine als wichtige Vermittler
- Erweiterte Zielgruppen: insbesondere jüngere Menschen, neue Milieus und bislang nicht erreichte Gruppen
- Kooperationspartner: kulturelle und wissenschaftliche Einrichtungen sowie Netzwerke
Entscheidend ist dabei nicht nur die Benennung, sondern die Konsequenz:
Unterschiedliche Zielgruppen erfordern unterschiedliche Zugänge, Formate und Kommunikationsweisen.
Damit verbunden ist eine zentrale Herausforderung:
Die Angebote dürfen sich nicht mehr ausschließlich an das bestehende Umfeld („eigene Bubble“) richten.
Öffentlichkeitsarbeit: vom Informieren zum Aktivieren
Eng verknüpft mit der Zielgruppenfrage ist die zukünftige Öffentlichkeitsarbeit.
Diese wurde klar als strategisches Handlungsfeld definiert – mit zwei Funktionen:
- Sichtbarkeit herstellen
- Menschen aktivieren
Beides muss gezielt zusammengedacht werden.
Künftig soll Öffentlichkeitsarbeit stärker als Multichannel-Ansatz verstanden werden:
- Website als zentrale Plattform
- Newsletter und Jahresprogramme
- Social Media (Instagram, Facebook, YouTube)
- klassische Pressearbeit
- persönliche Netzwerke und direkte Ansprache
- Teilnahme bei Events o.ä.
Dabei geht es nicht um die parallele Nutzung einzelner Kanäle, sondern um ein
koordiniertes Zusammenspiel mit klarer Ansprache, passenden Formaten und konkreten Anlässen.
Zentrale Erfolgsfaktoren sind:
- klare Bildsprache und starke Themen
- prägnante Titel und ein überzeugender Einstieg
- zielgruppengerechte Tonalität
- ein klarer Aktivierungsanspruch
Ziel ist ein Perspektivwechsel:
vom reinen Informieren hin zur aktiven Beteiligung.
Gemeinsame Perspektive: Stadt – Demokratie – Gesellschaft
Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der zukünftigen Zusammenarbeit von JGV und OGV.
Unter dem Leitgedanken
„Stadt – Demokratie – Gesellschaft“
wurde eine gemeinsame Projektlinie bis 2032 entwickelt.
Diese knüpft an das Jahresprogramm an:
- 2025: Freiheit
- 2026: Stadt
- 2027: Gesellschaft
und führt diese Perspektive systematisch weiter.
Ziel ist es, Demokratiegeschichte vor Ort sichtbar, diskutierbar und erfahrbar zu machen.
Im Mittelpunkt stehen dabei:
- kommunale Selbstverwaltung und politische Teilhabe
- bürgerschaftliches Engagement
- Erinnerungskultur und Stadtidentität
- soziale Dynamiken und Konflikte in der Stadtgesellschaft
Die zentrale Leitidee:
Demokratie entsteht in der Stadt – und wird dort konkret erfahrbar.
Die Projektlinie verbindet dabei:
- historische Forschung
- öffentliche Vermittlung
- und gesellschaftlichen Dialog
und eröffnet zugleich eine europäische Perspektive, die später stärker lokal vertieft wird – mit Blick auf das Jubiläum „200 Jahre Hambacher Fest“ im Jahr 2032.
Wie geht es weiter?
Die Zukunftswerkstatt markiert bewusst keinen Abschluss, sondern den Beginn eines strukturierten Prozesses:
- Zunächst erfolgt die interne Diskussion und Auswertung der Ergebnisse in beiden Vereinen
- Im Anschluss wird der Prozess nach der gemeinsamen Vorstandssitzung im Oktober 2026 in Jülich fortgeführt
- Eine weitere Zukunftswerkstatt im Frühjahr 2027 wird die Ergebnisse gezielt vertiefen – mit zwei zentralen Schwerpunkten:
- Öffentlichkeitsarbeit
- Kooperation und gemeinsames Projekt zur Demokratiegeschichte
Fazit
Die Zukunftswerkstatt hat deutlich gemacht:
Geschichtsvereine stehen vor der Herausforderung, ihre Rolle neu zu definieren –
zwischen Tradition und gesellschaftlicher Gegenwart.
Gleichzeitig liegt darin eine große Chance:
als aktive, sichtbare und relevante Akteure die Entwicklung von Stadtgesellschaft mitzugestalten.
